Tages-Anzeiger 25. August 2001
Mit aufgerissenen Augen
Von eigentümlichem Reiz: «Density», eine Choreografie der Türkin Aydin Teker, beim Theater Spektakel.
Von Marlies Streeh
Wunderbares Spätsommerwetter. Einige Theater-Spektakel-Fans tauchen vor der Vorstellung noch rasch in den See, andere stehen mehr oder weniger geduldig Schlange vor den Essständen. Wir haben eine Art Falafel besorgt und schauen in der Dämmerung drei Bauchtänzerinnen zu, die auf der Wiese mit den Hüften kreisen und den Schmuck klingeln lassen.
Das könnte die richtige Einstimmung sein für den Auftritt der Türkin Aydin Teker und ihrer Gruppe, denkt man nai-verweise: ein Vorgeschmack für orienta-lisch-kulinarisch-erotischen Tanz. Doch das Stück «Density» weicht von solchen Fantasien um 180 Grad ab. Kein nackter Bauch, keine verführerischen Blicke. Die Gesichter der vier Performerinnen und zwei Performer sind todernst, die Augen aufgerissen. Wenn sich die Münder öffnen, dann nicht zum Lächeln, sondern zu lautlosem Schreien.
«Density» steht im Zeichen der Minimal Art. Aydin Teker (49), die seit je zwischen Istanbul und New York pendelt, hat das rund einstündige Bewegungsstück in mehrere Szenen aufgeteilt; in deren Mittelpunkt stehen bestimmte Körperteile. Drei Frauen, die in ihren hochgeschlossenen weissen Nachthemden wie Schlossgespenster wirken, trainieren auf groteske Art ihre Mimik. Ein Mann erprobt seine Wirbelsäule, bis deren Kräfte den ganzen Raum zu erfassen scheinen. Krumme Beine und einwärts gedrehte Füsse werden auf ihre Tauglichkeit hin überprüft. Einige Auftritte gehen ohne Musik über die Bühne; andere halten sich an die repetitiven Geräusche und Klänge von Ergül Özkutan (Istanbul) und Nick Rothwell (London).
Das Stück läuft langsam und undramatisch ab. Etwas angereichert wird «Density» durch Livevideoaufnahmen oder durch eine schwarze Gestalt, eine Art Norne, die einen Faden durch ein Nadelöhr zu führen versucht. Man schwitzt, sitzt körperdicht gedrängt auf den harten Stühlen. leidet wie unter einer sanften Folter. Bis man dann doch in den Bann dieses seltsam eigenwilligen Stücks gerät. In der Schlussszene fuiden alle Mitwirkenden zusammen; ihre je eigenen Bewegungen fügen sich zum Ganzen. Schön.